Metapi

Gleichgültigkeit

 

Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass alles, was man über die Funktionsweise des Gehirns je in Erfahrung bringen konnte, bekannt sein würde. Der Verstand steuerte auf seine größte Leistung zu: Er war auf dem Weg, sich selbst zu verstehen. Welches Bild würden die Menschen von sich selbst haben, wenn sie erst einmal alle Fakten kannten? Vielleicht würde das Gehirn diese Selbsterkenntnis nicht ertragen. Vielleicht würde es nie reif sein für dieses Wissen. Was würde die Menschheit mit diesem Wissen anfangen? Welche neuen Kreaturen würde das Gehirn erschaffen und an die eigene Stelle setzen? Eine neue, wirksamere Konstruktion, befreit vom uralten Balast ...

 Richard Powers

 

 Die Gleichgültigkeit

Sie sind weder gut noch böse und leben ohne Schmach und Ehre. Nichts kann sie erregen, nichts reizen, nichts berühren. Die Sinne sind müde, das Herz träge, der Geist erstarrt. Was immer geschieht, es kümmert sie wenig. Dies sind die Lauen und Blinden im Lande, die Menschen ohne Leidenschaft: die Gleichgültigen.


Der Gleichgültige scheint innerlich abgestorben. Freude und Trauer, Wut oder Angst sind ihm fremd. Allenfalls verspürt er ein leises Missbehagen, eine schale Unlust, die keine Richtung gewinnt und auch die Seele nicht erwärmt. Der Welt ist der Gleichgültige seltsam entrückt. Sie erscheint ihm wie hinter einer Milchglasscheibe. Um nicht aufzufallen, drapiert er seine Leere mit übertriebener Gestik. Die gespielte Begeisterung, die überschwängliche Freundlichkeit, das zutiefst empfundene Mitleid, all diese Maskeraden kaschieren nur das seelische Nichts.

Ohnehin nichts ändern

Dem Stumpfsinn entspricht die moralische Verödung. Geschieht nebenan ein Unglück oder eine Untat, zuckt der Gleichgültige die Schultern. Man könne ohnehin nichts ändern, lautet seine Ausrede. Ohne moralischen Sinn ist der Mensch sittlich tot. Dem Gleichgültigen fehlt jedes innere Missbehagen, von praktischer Urteilskraft ganz zu schweigen. Eine Stimme des Gewissens, die Recht von Unrecht unterschiede, regt sich nicht. So bleibt er von Schuldgefühlen verschont. Neben der Vulgarität ist Achtlosigkeit daher das breiteste Einfallstor des Bösen.

Wem der Zustand der Welt einerlei ist, dem sind auch die Aussagen über die Welt gleichgültig. Wahrheit existiert für ihn nicht. Der Streit um die Tatsachen prallt an ihm ab. Die Zukunft ist dem Indifferenten längst abhanden gekommen. Ziele und Zwecke spornen ihn nicht an. Die Aufforderung, sein Leben selbst zu gestalten, erregt nur widerwilliges Erstaunen. Lieber hält er sich an seine Gewohnheiten, Änderungen widerstreben ihm zutiefst. Außenhalt findet die Gleichgültigkeit in Situationen des sozialen Nebeneinanders. Andere werden nicht danach beurteilt, wer sie sind, sondern wie viele sie sind. Im Niemandsland des Nebeneinander treffen sich die Menschen auf dem niedrigsten Niveau der Egalität: als Nummer in der Reihe.

Rechtzeitig taub stellen

Arbeitsroutinen sind der Gleichgültigkeit ebenfalls förderlich. Arbeit ist regelmäßiges, zielgerichtetes Tun nach fixen Standards. Gleichförmigkeit kennzeichnet ihre Struktur und Gleichgültigkeit ist eine ihrer Folgen. Bei ungewöhnlichen Begebenheiten bevorzugt der Gleichgültige die Rolle des Zuschauers. Er bleibt kurz stehen, sieht dann aber zu, dass er weiterkommt. Er schwankt zwischen Abwehr und Anziehung, Desinteresse und Erfahrungshunger. Doch immer bevorzugt er einen Standort in sicherer Entfernung. Gelegentlich macht Gleichgültigkeit Arbeit. Der Panzer des Reizschutzes muss ausgebessert werden. Hierzu eignen sich zwei Maßnahmen, die sich gegenwärtig besonderer Beliebtheit erfreuen: die Spende und der Alarmruf. Das pekuniäre Mitleid wird so dosiert, dass es nichts kostet, dafür aber den eigenen Helferstolz aufbessert. Alarmrufe wiederum warnen im Voraus, damit man sich rechtzeitig taub stellen kann. Stets ist die Rhetorik der Betroffenheit auf prompte Untätigkeit ausgelegt. Man muss der demonstrativen Nächstenliebe keinen Glauben schenken.

Die Maske des Mitgefühls ist nur ein Zwischenspiel. Zehntausend Tote irgendwo? Wen kümmert's? Das ist dem Gleichgültigen die normale Verlustquote des Gattungswesens. In die Grauzonen der Wirklichkeit begibt man sich erst gar nicht. Sich taub zu stellen, sich selbst mit Blindheit zu schlagen und nichts zu tun, ist keine lässliche Unsitte. Es ist eine höchst aktive Untugend, eine willentliche Maßnahme des Reizschutzes, der Wahrnehmungsabwehr. Hitler, Himmler, Stalin, Mao, Ceaucescu - große Verbrecher sind selten gleichgültig. Aber viele Zuschauer und Zuträger entstammen dem weiten Kreis der Teilnahmslosen. Zuerst halten sie sich heraus und lassen alles zu. Aber plötzlich tun einige mit, dann sind es Dutzende, Hunderte, immer mehr verwandeln sich in willige Exekutoren, die später vorgeben werden, von nichts etwas gewusst zu haben.

##############################################################

Die Geltungssucht

Er will hoch hinaus. Überall buhlt er um Beifall. Kaum stehen mehr als drei Menschen beieinander, ist er zur Stelle. Er mischt sich ein, drängt sich nach vorn, zieht die Blicke auf sich. Er will mehr gelten, als ihm zukommt. Die Sucht nach Geltung bestimmt seine Arbeit und seine Karriere. Nicht die Aussicht auf Geld oder Macht spornt ihn an, sondern der unbedingte Wille zur Anerkennung.

In Zeiten des Individualismus ist die Geltungssucht weit verbreitet. Fremder Zuneigung kann sich der einzelne nicht mehr sicher sein. Kein sozialer Kreis garantiert das Gefühl, für jemanden auf Dauer wichtig zu sein. Oft sind die Kontakte flüchtig, die Beziehungen befristet. Andere kommen und gehen, und die eigene Biographie weist oft ins Nirgendwo.

So hecheln viele Zeitgenossen danach, zumindest bekannt oder prominent zu werden, und sei es durch lautes Geschwätz, penetrante Präsenz oder abseitige Vorlieben. Auch seriöse Subjekte sind vor den Anfechtungen der Geltungsgier keineswegs gefeit. Sie suchen sich eine Betätigung, die ihnen Bedeutung verspricht. Wo immer sich eine Arena der Selbstdarstellung bietet, sind Eitelkeiten unvermeidlich. Publikum zieht Ehrsüchtige magisch an. Ohne Zuschauer keine Geltungssucht. Und je geringer deren Ansprüche, desto dürftiger die Aufführung.

Der Star will als Star gefeiert werden

Die Kultur, zumal deren populäre Spielart, bietet seit je zahllose Bühnen der Selbstdarstellung. Der Star will als Star gefeiert werden. Die Kulturindustrie bahnt ihm den Weg und senkt zugleich das Niveau. Von Geltungssucht sind beide Geschlechter befallen. Aber die Sprachen der Eitelkeit unterscheiden sich. Trotz aller Werbekampagnen verwenden Frauen noch immer mehr Zeit zur Verschönerung ihrer selbst als die allermeisten Männer. Das Fassadenwerk kann Stunden, die einschneidende Nachbesserung der Proportionen Tage in Anspruch nehmen. Ganze Gewerbezweige verdanken ihre Existenz weiblicher Gefallssucht.

Trotz mancher Gecken und Narren sucht sich das männliche Geschlecht andere Felder der Aufmerksamkeit. Männer wollen weniger gefallen als beeindrucken. Nicht Ästhetik, sondern Politik, Kraft, Geist und Geld sind ihre Foren. Die Designer-Anzüge, die gefärbten Haare oder die Fantasieuniformen sind weniger der Gefallsucht geschuldet als machtgierigem Eindrucksmanagement. Bisweilen benutzen sich die Geschlechter gegenseitig, um soziale Punkte zu sammeln. Manche Männer besitzen eine attraktive Frau als eine Art Luxusobjekt. Bei gegebenem Anlass führen sie ihre Wertsache vor, um den eigenen Geschmack oder die eigene Potenz zu beweisen. Umgekehrt suchen Frauen an Macht, Reichtum oder Prominenz der Männer teilzuhaben.

Tiefe Unruhe treibt ihn vorwärts

Sogar die ganze Familie kann als Ausstellungsstück dienen. Bei Wahlkampagnen sollen Ehefrau und wohlgeratene Kinder den Anspruch und die Tüchtigkeit des Kandidaten unterstreichen. So werden jene, die dem Ehrsüchtigen am nächsten stehen, zum Putzmittel seiner Eitelkeit degradiert. Geltungssucht ist das Laster der Aufsteiger. Der Parvenu hungert nach Bedeutung, macht allerlei Aufhebens von sich, will allen gefallen. Er braucht keinen Anlaß, um sich zu zeigen. Auf den Märkten der Eitelkeit gehört er zum Stammpersonal. In jeder Situation will er den Vorsitz einnehmen. Im sozialen Netzwerk sucht er zentrale Knotenpunkte zu besetzen. Er spielt den Vermittler, Gönner, Zwischenträger und Vertrauten. Genauestens weiß er, wohin man sich stellen muss, um nicht übersehen zu werden. Er ist allgegenwärtig. Eine tiefe Unruhe treibt ihn vorwärts. Seiner Wirkung kann er sich unmöglich sicher sein. Denn insgeheim ahnt er, daß er nicht so vollkommen ist, wie er gerne gesehen werden will.

Der Ehrsüchtige sucht seinen Applaus wahllos. Er degradiert seine Zeitgenossen zu Zuschauern. Sie sind nur der Resonanzboden seiner Auftritte. Aber er bewegt sich immer auf dünnen Brettern. Bricht er ein, ist das Hohngelächter fürchterlich. Denn zuletzt liegt die Macht der Anerkennung ganz beim Publikum. Die Zuschauer können ihn mit Missachtung bedenken, ihn abwählen oder auslachen. Nichts straft den Geltungssüchtigen mehr als sinkende Quoten, schwindende Wählerstimmen, eisiges Schweigen. Am Ende verschwindet er in der Wüste der Gleichgültigkeit.

**************************################***************

 

Selbstmitleid 

 Sie hadern mit ihrem Schicksal, zetern über vermeintliches Unrecht, vergehen fast in Tränen, sobald sie in den Spiegel schauen. Die geringste Misshelligkeit löst Wehklagen aus, jede Widerwärtigkeit durchdringt ihr kleines Herz. Nichtbeachtung halten sie für eine persönliche Beleidigung. Sie sind empfindlich für alles, was sie betrifft - und sie sind gleichgültig gegen alles, was andere betrifft. Sie wimmern und stöhnen, mäkeln und meckern, belästigen alle mit ihrer Unzufriedenheit und verlieren dabei nicht nur die Selbstbeherrschung, sondern auch die Achtung für sich selbst. 

 Sie sind die Bewohner des Jammertals, die übellaunigen Klagegeister, die verbitterten Griesgrame und quengelnden Hasenherzen, die vor allem sich selbst leid tun. Selbstmitleid heftet den Menschen an sich selbst, an seine vermeintliche Ohnmacht. Es entspringt dem Bewusstsein des Verlustes, der Niederlage. Enttäuschte Hoffnung, die Schmach der Unterlegenheit, die Scham über eigene Unfähigkeit schlägt um in Selbstmitleid. 

 Anders als die Stimmung der Traurigkeit ist Selbstmitleid eine Haltung, für die der Betreffende selbst verantwortlich ist. Der Weichherzige will sich nicht ändern, will sich nicht aus seinem realen oder imaginären Elend befreien. Trauer ist ein Widerfahrnis, Selbstmitleid hingegen eine egozentrische Untugend. Der Wehleidige denkt immer nur an sich. Rücksicht auf andere erspart er sich, aber die eigenen Gefühle sind ihm heilig. Laut bettelt er um das Mitleid der anderen. Sie sollen sich um ihn kümmern, für ihn sorgen, ihn trösten, sein Leid teilen. 

  

Lob und Lohn, Zuspruch und Zuwendung 

 Der gesellschaftliche Ort des Selbstmitleids liegt dort, wo Menschen etwas zu verlieren haben: Ansehen, Status, liebgewordene Besitzstände oder den eigenen Größenwahn. Manche sehen sich um die Hoffnungen betrogen, die ihnen entweder über Jahre vorgegaukelt wurden, oder die sie sich selbst ausgemalt hatten. Andere glauben allen Ernstes an einen unveräußerlichen Anspruch auf Lob und Lohn, Zuspruch und Zuwendung. Doch verwechselt das Selbstmitleid die Märkte der Arbeit und Eitelkeit mit einer Versorgungsanstalt zur Erfüllung persönlicher Wünsche. Auf Arbeitsmärkten werden niemals gerechte Löhne gezahlt. Zuverlässigkeit, Initiative, Geschäftssinn, all dies wird manchmal vergolten und manchmal nicht. So findet der Wehleidige immer einen Anlass, sich missachtet zu fühlen. 

 Der Weichmütige fühlt sich als Opfer. Er hat sich darin eingerichtet, nichts ausrichten zu wollen. Er kennt das Leben nur als Reaktion. Ungeheuer und ungerecht erscheinen ihm die Kräfte des Schicksals, die Autoritäten, die Gewinner, die Großen und Mächtigen. Wie rein und unschuldig erscheint hingegen das Opfer. Niemals hat es verdient, was ihm angetan wurde. Die Neigung zur Selbstgerechtigkeit forciert die Konkurrenz unter wirklichen oder vermeintlichen Geschädigten. Opferbewusstsein neigt zum Anspruch auf Exklusivität. Verschärft wird die Rivalität bei kollektivem Selbstmitleid. Sobald Gruppen, Verbände oder Nationen sich vornehmlich als Opfer von Ungerechtigkeit, Eroberung, Krieg oder Verbrechen verstehen, findet die Klage des einzelnen breiten Rückhalt. Je mehr der Verlust das Bewusstsein beherrscht, desto größer ist die Anfälligkeit für gemeinsames Selbstmitleid. Das Unglück der Vergangenheit überformt Gegenwart und Zukunft. 

 Sentimentale Legenden von einstiger Größe, von gemeinsamen Träumen und Hoffnungen sind nur ein notdürftiger Ausgleich für das Gefühl der Unterlegenheit. Manchmal verbreitet sich ein Klima der Lethargie und Resignation. Doch häufiger noch entwickeln sich Neid und Groll, Fantasien der Empörung und Vergeltung. Selbstmitleid ist alles andere als harmlos. Von der Klage zur Anklage ist nur ein kurzer Schritt. Wer bemitleidet werden möchte, der will auch andere leiden machen. Mit der Zeit verdichtet sich das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, zu dumpfem Ressentiment. Die Enttäuschung schlägt um in Wut und Vergeltungsgier. Wer sich selbst nichts wert ist, für den ist die Welt voller Feinde. Im Augenblick der Explosion erlebt das dürftige Ich einen grandiosen Triumph. Alles hat sich ins Gegenteil verkehrt. Wer sich ganz unten gefühlt hat, ist nun ganz obenauf. Allen hat es der Verlierer heimgezahlt. 

  

#################################################################

 Hinterlist 

 Seit dem Sündenfall sind List und Betrug in der Welt. Sie sind um uns und in uns. Kaum entdeckten die Menschen die Moral, erkannten sie die Vorteile der Arglist. Heimtücke erspart handgreifliche Übergriffe. Anders als die Gewalt operiert sie verdeckt, unsichtbar. Sie vergießt kein Blut, droht nicht, befiehlt nicht und übt keinen Zwang aus. Unbemerkt lenkt sie ihre Opfer in die gewünschte Richtung. 

 Heimtücke wahrt die Verkehrsformen und fördert die soziale Kompetenz. Der Übeltäter will alles über den anderen erfahren. Seine Sinne sind geschärft. Die Fähigkeit, die Welt mit fremden Augen zu sehen, ist extrem entwickelt. Kühl notiert er die leisesten Regungen und Wünsche. Man könnte meinen, er vergäße sich selbst, so hautnah umwindet er den anderen. 

 Mit kühlem Kopf und kaltem Herz erfasst der Betrüger die Gelegenheit. Seine Perfidie liegt nicht allein in der Täuschung des anderen. Er beutet Zuneigung und Vertrauen aus. Die Tugenden des sozialen Verkehrs sind für ihn nur ein Mittel, um den anderen zu schaden. Er will dessen Schwächen erkunden, die blinden Flecke, die Wissenslücken, die ungestümen Affekte, die jede Deckung öffnen. "Hellwach registriert er jede Änderung, befragt Dritte, sammelt Hintergrunddaten, Meinungen, Einschätzungen. 

  

Lüge und Verstellung 

Kinder lernen ihre Absichten zu tarnen. Jugendliche üben sich in der Kunst der Verführung, Erwachsene betrügen ihre Ehepartner und hintergehen Kollegen. Wo immer Verträge ausgehandelt, Illusionen geschürt und Machtkämpfe ausgefochten werden, ist der Hinterlistige zur Stelle. Aber je näher er seinem Opfer kommt, desto stärker der Zwang zur Geheimhaltung und Selbstkontrolle. Dabei helfen Lüge und Verstellung. Der Betrüger verbirgt nicht nur seine bösen Absichten, er kaschiert zugleich, dass er überhaupt etwas verbirgt. Er gibt sich offenherzig, liebenswürdig, höflich, zieht den anderen ins Vertrauen - und verrät ihn zugleich. Geradewegs lockt er ihn in die Falle. 

 In einer Welt der Hinterlist sind die Freunde nicht mehr zu erkennen. So greift schließlich der Verdacht um sich, dass ein jeder, auch der Nächste, insgeheim ein Feind sein könnte. Seit Jahrhunderten versuchen sich Wirtschaft, Recht, Kultur und Religion vom sozialen Alltag zu entfernen, um damit die Chance auszubauen, den Mann auf der Straße noch besser hinters Licht zu führen. Seit jeher eignet sich Moral für die kaltschäuzigen Spielarten der Heuchelei. Sie gaukelt das Gute vor und beutet Hoffnung, Vertrauen und Pflichtbewusstsein aus. Heimtücke bedient sich auch der Maske der Moral. Unlautere Ziele werden mit Vorliebe durch höchste Werte legitimiert, denn hehre Zwecke heiligen nahezu jedes Mittel. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind. 

 

Das Opfer bemerkt nichts 

 In der Ökonomie der Macht sind Lug und Trug höchst rationale Strategien der Informationspolitik. Täuschung reduziert den Aufwand für kostspielige Abschreckung. Hinterlist gehorcht dem Gebot der Sparsamkeit. Um das Risiko gering zu halten, ist es zweckmäßig, sich Vorteile verdeckt zu sichern. Ist die Gefahr der Aufklärung hoch, steigen die Kosten zur Stützung des Lügengebäudes. Das Opfer bemerkt nichts von der Heuchelei. Es glaubt dem scheinheiligen Versprechen, der doppelzüngigen Versicherung, der hinterhältigen Schmeichelei, die ihm endlich die Aufmerksamkeit zu gewähren scheint, die es sich immer erhofft hat. Maske und Verstellung wiegen das Opfer in Sicherheit und wahren das Geheimnis des Täters. Die Taktiken der Verstellung sind vielfältig. Menschen können ihre Identität maskieren, ihre Absichten, Gefühle, Überzeugungen und Handlungen. Unter falschen Freunden und treulosen Gefährten ist jede Sicherheit dahin. 

 Die Lüge errichtet eine imaginäre Welt. Sie verführt zu der Annahme, dass die Fakten andere sind, als sie tatsächlich sind. Am Ende verliert der Belogene nicht nur das soziale Vertrauen, sondern auch seine Vertrautheit mit der Wirklichkeit. Die Zerstörung der Wahrhaftigkeit ruiniert den Sinn für die Wahrheit. Neben der Lüge gehört der Verrat zu den bösartigsten Formen der Hinterlist. Er bricht den sozialen Eid gegenseitiger Verpflichtung. Verrat ist ein Sakrileg an der Religion des Sozialen, an der Norm der Wechselseitigkeit und Fairness. Arglist vergeht sich an der Gesellschaft. Sie zerstört den Glauben an die Glaubwürdigkeit. Am Ende misstraut jeder jedem anderen. 

  

Vulgarität

Sie finden sich überall: auf der Straße, im Stadion, im Bierzelt, im Fernsehstudio. Die Zahl der Vulgären ist groß, sie sind längst gesellschaftsfähig und medientauglich. In Zeiten der Gleichheit möchte niemand riskieren, für distinguiert gehalten zu werden. Zwar liefern die unteren Klassen das Vorbild, aber Vulgarität hält sich nicht an soziale Schranken. Sie durchdringt die gesamte Gesellschaft. In manchen Medien erfreut sie sich besonderer Beliebtheit. Doch verstärkt das Medium nur, was in der Gesellschaft ohnehin verbreitet ist.

Zuletzt will keiner sich den Spaß am derben Spiel verderben lassen. Vulgarität ist die Extremform der Unhöflichkeit. Sie missachtet jede Etikette - im Namen vermeintlicher Natürlichkeit oder lebensfroher Geselligkeit. Stets ist sie eine Erniedrigung der Freiheit. Der vulgäre Charakter hat keinen Anstand, weil er keinen Abstand zu seinen spontanen Impulsen hat. Er verhält sich plump, laut, unverfroren. Scham ist ihm ebenso fremd wie Ehre oder Takt.

Keinerlei Selbstbeherrschung

Vulgär, das sind keineswegs nur die Entäußerungen des Körpers, das Gähnen und Grölen, Schmatzen und Schlürfen, Rülpsen und Furzen, das öffentliche Gestammel. Laut prustend ergötzen sich die Zuschauer an den Schauspielen der Unflätigkeit. Längst ist der Vulgäre hof- und gesellschaftsfähig. Er sieht nur sich selbst. Blickt er in den Spiegel, ist er hochzufrieden. Er will nur bleiben, wie er ist. Er kennt keine Selbstbeherrschung. Das offene Wort gilt ihm als Ausdruck unverstellter Moral. Kein Blatt vor den Mund zu nehmen, das hält er für den Inbegriff persönlicher Geradlinigkeit. Doch wer sich nur so gibt, wie er ist, muss ungemein große Tugenden besitzen, um für andere erträglich zu sein.

Vulgarität wirkt wie eine soziale Destruktivkraft. Sie drückt die Menschen hinab auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: die Regungen ihrer animalischen Existenz. Geradewegs konfrontiert sie die Menschen mit ihren niederen Eigenschaften. Streit ist unvermeidlich. Offenheit ist kein Beweis höherer Moral. In einer höflichen Welt hätte der einzelne nur Pflichten, keine Rechte. Man kann unmöglich von anderen Respekt fordern. Anerkennung wird freiwillig erbracht oder gar nicht. Der Rüpel indes kehrt diese Asymmetrie um. Für sich nimmt er sich jedes Recht heraus. Er rückt anderen auf den Leib, missachtet die privaten Grenzen und ist bass erstaunt, falls sich jemand des Übergriffs erwehrt oder auch nur pikiert die Nase rümpft.

Klima gegenseitiger Missachtung

Vulgarität sorgt dafür, dass niemand mehr ein höheres Niveau erstrebt, geschweige denn, erreicht. Ohne Seitenblick freut sich der Rüpel seines Auftritts und bemerkt nicht einmal, was für Gestalten sich um ihn scharen. Vulgarität öffne den Lastern Tür und Tor, der Schadenfreude und Geltungssucht, der Torheit - und der Barbarei. Sie zerstört die Fiktionen der Menschenfreundlichkeit und erzeugt ein Klima gegenseitiger Missachtung. Für ein positives Selbstbild der Gattung ist die Heuchelei der Höflichkeit unentbehrlich. Spontane Unverblümtheit indes gehört zu den sichersten Methoden, sich überall Feinde zu machen. So ist die vulgäre Wahrhaftigkeit nichts als soziale Dummheit.

Seine Wortwahl ist derb, sein Auftritt rüde, sein Vokabular manchmal beleidigend. Nur in halbwegs befriedeten Gesellschaften kann überhaupt die Idee aufkommen, man könne sich ruppige Umgangsformen leisten. Doch in Wahrheit verdrängt die prompte Gebärde jede freundliche Geste. Geradewegs führt sie in einen Zustand, in dem jeder den anderen mit sich selbst terrorisiert. Vulgarität ist weit mehr als eine lässliche Unsitte. Sie ist ein Einfallstor des Bösen. Zuletzt ist der Schritt nur kurz vom üblen Spiel der Bloßstellung zur handgreiflichen Verachtung, von der Gebärde zur Gewalt.

########################################

Die Trägheit

Die natürliche Stellung des Trägen ist das Liegen. In seiner ganzen Länge berührt der Körper die weiche Unterlage des Bettes oder der Chaiselongue. Er streckt sich, die Spannung in den Gliedern löst sich. Es ist, als entferne sich der Liegende von einer Umgebung. Er verschwindet in sich selbst, verfällt allmählich ins Sinnieren, Dösen, Träumen.

Vorstellungen kennen keine Grenzen und sind durch keine Wirklichkeit eingehegt. Das freie Spiel der Imagination führt letztlich zu säumiger Unentschlossenheit. Tage, Wochen, Monate denkt sich der Faule aus, wie er sein Leben einrichten könne und wie gut es ihm dann erginge, wenn er dies oder jenes tun würde. Gefangen in der Traumwelt unendlicher Möglichkeiten ist er zu faul zum Leben. Er ist zugeschneit vom Gewicht seines Daseins, ist eingepfercht im Sarg seiner Existenz. Damit Menschen sich in Bewegung setzen und mit dem Handeln beginnen, müssen sie das Reich der Fantasie verlassen und ihr Wünschen in ein Wollen überführen.

Nicht zu handeln ist oft schlimmer als böses Handeln

Die Wohltat des Handelns liegt darin, dass die Möglichkeiten, für die man sich nicht entschieden hat, vergessen werden. Sie existieren gar nicht mehr, weil die Tat unterdessen die Lage verändert hat. Nur in Gedanken zu handeln, lässt alles, wie es ist. Die Tat klärt die Situation, beseitigt Alternativen und vertreibt die Langeweile. Nicht zu handeln ist oft schlimmer als böses Handeln. Was nicht wirkt, ist so gut wie tot. Der demonstrative Müßiggang suggeriert Freiheit, Trotz, Unabhängigkeit. Er reizt alle, die sich unter Terminzwängen oder Leistungsdruck bewegen müssen und konfrontiert alle Arbeitsamen mit der Frage, ob Lebensglück vom Tun oder vom Nichtstun herrührt. Vor Zeiten galt die Trägheit als Todsünde. Gleichgültig gegenüber dem Guten verschloss sich der Gottlose in sich selbst. Er wies die Gnade zurück. Glaube, Liebe und Hoffnung waren ihm keine Mühe wert. Von allen guten Werken zog ihn die Trägheit weg. Sie war eine gezielte Abkehr von Gott. Dafür musste der Übeltäter büßen - bis in alle Ewigkeit.

Heutzutage gilt der Vorwurf der Faulheit nicht mehr den Ungläubigen, sondern den Außenseitern der Arbeitsgesellschaft, den Eckenstehern, Trunkenbolden, Schulschwänzern, Zeitverschwendern. So aktionistisch sich die moderne Gesellschaft geriert, sie produziert selbst die Trägheit, die ihr Fundament unterhöhlt. Auf lange Sicht geht der Arbeitsgesellschaft die Arbeit aus. Immer mehr Menschen werden überflüssig und sind zum Nichtstun verurteilt. Als Ersatz erfindet man neue, oft miserabel bezahlte Dienste, welche die Nutznießer davon abhalten, ihre Lebensaufgaben selbst zu erledigen. In der trägen Gruppe ist die Lethargie eine kollektive Lebensform. Wer sich an der Norm des Nichtstuns vergeht und etwas unternimmt, bekommt die Verachtung der Gruppe handgreiflich zu spüren.

Die Bürokratie ist das Zentrum der Trägheit

Das Laster der Passivität entspringt nicht zuletzt der ungleichen Verteilung des Handelns. Die Wissensgesellschaft übergibt jedes Problem einem Experten: die Planung der Karriere, der Finanzen, der Ehe und Erziehung. Wer die Beratung in Anspruch nimmt, lässt andere für sich denken und entscheiden. Das institutionelle Zentrum der Trägheit jedoch bilden die Bürokratien. Sie sind nicht auf Bewegung, sondern auf Dauer angelegt. Einmal gegründet, ist ihr erster Zweck der Bestandserhalt. Organisationen sind dazu da, weiter zu existieren. Sie aufzulösen, kommt oft teurer als die Fortführung des Betriebs.

Unaufhaltsam ist der Sog der Trägheit schließlich in den öffentlichen Angelegenheiten. Die moderne Verbands- und Eliteherrschaft beruht auf dem Prinzip der Stellvertretung. Der Untertan wird repräsentiert, ob er will oder nicht. Er gibt seine Stimme ab - und schweigt. Die Vertreter sprechen für ihn, handeln für ihn, entscheiden an seiner Stelle. Wähler und Mitglieder harren aus und lassen ihren Repräsentanten freie Hand. Ihr Schweigen zählt als Zustimmung, ihre Trägheit als Loyalität. Solch stilles Wohlverhalten wird mit Wohlfahrt und öffentlicher Fürsorge entgolten.

Solange niemand aufbegehrt, bleibt das demokratische Regime stabil. Alle Aufrufe zu sozialer Bewegung überspielen nur die Tatsache, dass die Aktivitätsrechte längst verteilt sind. Im Revier der Vertreter herrscht emsige Geschäftigkeit, ein Termin folgt dem anderen, eine Beratungsrunde der nächsten. In der Gesellschaft der Delegierenden beschränkt sich die Tätigkeit auf Beobachtung und seltenen Protest. Die allermeisten verharren in Resignation oder Apathie, nicht wenige wenden sich verdrossen ab und lassen die öffentlichen Angelegenheiten hinter sich. Die Kosten sind unübersehbar. Heutige Demokratien finden meist ohne das Volk statt.

!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

The more you begin to investigate what we think we understand, where we came from, what we think we’re doing, the more you begin to understand that we’ve been lied to. We’ve been lied to by every institution. What makes you think for one minute that the religious institution is the only one that’s never been touched? The religious institutions of this world are at the bottom of the dirt. The religious institutions of this world are put there by the same people who set up your governemnt, your corrupt education, your banking cartels, because our masters don’t give a damn about you or your family. All they care about is what they have always cared about and that’s controlling the whole damn world. We have been mislead from the true and divine presence in the universe that men have called God. I don’t know what God is, but I know what he isn’t. And unless, and until you are prepared to look at the whole truth, and wherever it may go, whoever it may lead to…If you want to look the other way, or play favorites, well somewhere along the way you’ll find out you’re messing with divine justice. The more you educate yourself, the more you understand where things come from, the more obvious things become, and you begin to see lies everywhere. You have to know the truth and seek the truth and the truth will set you free.

########################################

Ein reicher Mann lag einst im Sterben. Sein ganzes Leben hatte sich nur um Geld gedreht, und als es nun mit ihm zu Ende ging, dachte er, daß es nicht schlecht wäre, auch im Jenseits immer ein paar Rubel zur Hand zu haben. Darum bat er seine Söhne, ihm einen Beutel voll Rubel in den Sarg zu legen. Die Kinder erfüllten ihm diesen Wunsch. Im Jenseits angekommen, entdeckte er eine Anrichte mit Speisen und Getränken, wie im Erster-Klasse- Wartesaal eines großen Bahnhofes. Vergnügt betrachtete er seinen Beutel und trat an die Theke. Alles, was dort angeboten war, kostete eine Kopeke: die appetitlichen Pastetchen ebenso wie die frischen Sardinen und der Rotwein. "Billig", dachte er, "alles sehr billig hier," und wollte sich einen guten Teller voll bestellen. Als der Mann an der Theke ihn fragte, ob er auch Geld habe, hielt er ein Fünf-Rubel-Stück hoch. Doch der Mann sagte trocken: "Bedaure! Wir nehmen nur Kopeken!" Der Reiche, inzwischen - wie sich leicht nachvollziehen läßt - furchtbar hungrig und durstig, befahl daraufhin seinen Söhnen im Traum, den Beutel mit Rubeln im Grabe auszutauschen gegen einen Sach Kopeken. So geschah es. Und triumphierend trat er wieder an die Theke. Doch als er dem Mann hinter der Theke eine Handvoll Kopeken übergeben wollte, sagte der lächelnd, aber bestimmt: "Wie ich sehe, haben Sie dort unten wenig gelernt. Wir nehmen hier nicht Kopeken, die Sie verdient, nur die Sie verschenkt haben.

******konterminieren*********

Die siehst dich im Spiegel und spührst den Frust,
weil du dich wieder waschen musst,
denn mit dir weht ein rauer Wind,
Riecht so wie der Kod vom Rind,
die Socken könnten frischer sein,
auch der Rest ist nicht sehr rein,
optisch zwar schwer feststellbar,
doch komm ihm lieber nicht zu nah,
jedes Parfum hat seine Grenzen,
deines konnte selten glänzen,
so meine Bitte hier an dich,
dann ist das Thema auch vom Tisch,
das man dir die Wanne fülle,
zum putzen deiner Aussenhülle.
*******************
Die Glühbirne das zarte Wesen,
aus dünnem Glas hilft sie beim lesen,
zerbricht man dieses dünne Glas,
wird es dunkel und das wars.

*************************

Manche Menschen schreiben gern,
Andre sehen lieber fern,
der unterschied dieser Interessen,
beim Fernsehn wird meist mehr gefressen.

+++++++++++++++++++++++

................Juan Holgado und Frau Tod

Meine Herren! Ihr sollt wissen, daß es einmal einen Mann gab, der Juan Holgado hieß. Sein Name paßte ihm aber sehr schlecht, denn da er arm war, besaß er Morgens und Abends nur drei Pfennige Hunger und drei Pfennige Mangel.

Eines Tages sagte Juan Holgado zu seiner Frau: "Unsere Kinder sind eine Rotte Freßmäuler, und im Stande, das Brot sammt dem Ofen, wo es bäckt, zu verschlingen. Ich möchte wohl einmal einen Hasen essen, aber ohne diese Raubvögel, die mir den Bissen aus dem Munde nehmen."

Seine Frau, die herzensgut war, verkaufte ein Dutzend Eier, die ihre Hühner gelegt hatten, und kaufte einen Hasen, bereitete ihn zu, und sagte am andern Morgen zu ihrem Manne: "Dort im Topfe steht ein Hase für Dich und daneben liegt Brot: gehe auf's Feld, verzehre ihn und laß ihn Dir gut bekommen." Juan Holgado war nicht taub, er nahm den Topf und das Brot und begab sich damit fort.

Nachdem er anderthalb Meilen gegangen war, setzte er sich unter einem Olivenbaum zufriedener als ein König nieder, befahl sich der heiligen Jungfrau der Einsamkeit und begann sein Mittagsmahl. - Doch ohne zu wissen, wie und woher sie gekommen, stand plötzlich eine alte Frau mit schwarzem Kleide und so häßlich wie ein falscher Schwur vor ihm und setzte sich ihm gegenüber hin. Sie war so gelb und trocken wie ein Pergament von Simancas; die Augen lagen ihr tief im Kopf und waren erloschen wie eine Nachtlampe, der es an Oel fehlt; der Mund war groß wie eine große Tasche, und was Nase anbetrifft, hatte sie gar keine, selbst keine Spur davon.

Dieser ungerufene Gast kam Juan Holgado nicht im Geringsten angenehm, aber er konnte die Gesellschaft nun nicht vermeiden und da er kein Grobian war, so fragte er, ob sie an seiner Mahlzeit theilnehmen wolle. Die Alte, die nichts sehnlicher wünschte, antwortete, um nicht unhöflich und undankbar zu sein, nehme sie seine Einladung an, und fing an zu essen. Meine Herren! Das war aber kein Essen, sondern ein Schlingen, denn eins, zwei, drei, saß ihr der ganze Hase zwischen Rücken und Brust.

Wäre es nicht viel besser gewesen, dachte seufzend Juan Holgado, daß ich den Hasen ruhig zu Hause mit Weib und Kindern verzehrt hätte und nicht die Teufelsalte?

Als die Alte fertig war und selbst den Schwanz vom Hasen verschlungen hatte, sagte sie: "Juan Holgado, Dein Hase hat mir sehr gut geschmeckt."

"Das hab' ich wohl gemerkt!" antwortete Juan Holgado.

"Ich will Dir Deine Artigkeit vergelten."

"Lebt tausend Jahre," antwortete trocken Juan Holgado.

"Das werd' ich wohl," erwiederte die Alte, "denn Du mußt wissen, daß ich der Tod in eigener Person bin."

Juan Holgado fuhr zusammen, als wenn vor seinen Ohren ein Kanonenschuß abgeschossen worden wäre.

"Erschrecke nicht," fuhr die Alte fort, "ich werde Dich nicht mitnehmen. Um Dir aber Deine Aufmerksamkeit zu vergelten, will ich Dir einen Rat geben. Werde Arzt, und ich werde dafür sorgen, daß es bald keinen andern geben wird, der mehr Ruhm und Geld gewinnen soll als Du."

"Gnädige Frau Tod, ich bin schon ganz zufrieden und werde es Ihnen danken, wenn Sie sich meiner recht lange nicht erinnern. Was das Arztwerden betrifft, so paßt das nicht für mich."

"Warum denn nicht?"

"Weil ich keine feinen Studien gemacht habe."

"Das tut nichts."

"Ich weiß weder Griechisch, noch Latein."

"Ganz gleich."

"Gnädige Frau, ich kann ja nicht einmal schreiben, weil mir der Puls zittert, und auch nicht lesen, weil mir das Schwarze auf dem Papier im Wege ist."

"Noch Eins!" rief die Frau Tod, welche über alle diese Bedenklichkeiten ärgerlich wurde. "Potztausend, Juan Holgado, Dein Kopf ist wirklich bombenfest; hörst Du denn nicht, daß ich Dir sage, das tue Alles nichts? Ich sage Dir, daß ich mir gar nichts aus der Gelehrsamkeit der Doctoren mache. Ich komme und gehe nicht nach ihrem Willen, sondern nach meinem; und ganz wie und wann es mir beliebt, kriege ich Einen von Euch beim Ohr und nehme ihn mit, ohne mich um die Doctoren zu kümmern. Als die Welt bevölkert wurde, gab es noch keine Doctoren und deshalb ging auch damals Alles schnell und gut; seitdem aber die Aerzte erfunden sind, sind keine Methusalems mehr vorhanden. Du sollst Arzt sein, auf meine Ehre, und wenn Du Dich weigerst, so nehme ich Dich mit, so wahr zwei und drei fünf sind. - Nun schweige und höre mich an: Du sollst in Deinem Leben dem Kranken nichts Anderes als klares Brunnenwasser verschreiben, hast Du gehört?"

"Ja, ich hör' es," antwortete Juan Holgado, der so ärgerlich auf die Frau Tod war, daß er ihr lieber eine Ohrfeige gegeben, als sie noch weiter angehört hätte.

"Wenn Du in's Zimmer des Kranken trittst und mich am Kopfende des Bettes sitzen siehst, so sage nur bestimmt heraus, daß er stirbt und daß er sich dazu vorbereite. Siehst Du mich aber nicht da, so versichere, der Kranke werde wieder gesund, und verschreibe ihm Wasser." Bei den letzten Worten machte die häßliche Dame eine französische Reverenz und empfahl sich.

"Gute Frau," rief ihr Juan Holgado nach, "ich möchte mich nicht von Euch mit dem gewöhnlichen 'Auf Wiedersehen' verabschieden und hoffe, daß Ew. Gnaden auch nicht den Wunsch hegen, mich wieder zu besuchen, denn ich habe nicht immer Hasen, um Sie zu bewirthen."

"Mach' Dir keine Sorge, Juan Holgado," - antwortete die Alte; "so lange Du nicht Deine Wohnung zusammenfallen siehest, werde ich nicht zu Dir kommen."

Juan Holgado kehrte nach Hause zurück und erzählte seiner Frau Alles, was ihm begegnet war. Seine Frau, die klüger war als er, meinte, daß er nur Alles, was ihm die Frau Tod gesagt, glauben könnte, denn nichts sei auf der Welt wahrhafter und zuverlässiger als der Tod. Darauf ging sie im ganzen Dorfe herum und kündigte an, daß ihr Mann der beste Arzt unter den Sternen sei, dergestalt, daß er gleich auf den ersten Blick erkenne, ob der Kranke leben oder sterben werde.

Eines Nachmittags stand eine Menge junger Dirnen vor der Tür eines Hauses, als Juan Holgado vorüberging.

"Seht doch Juan Holgado," sagte eine von ihnen, "der sich auf einmal noch in seinem Alter vor uns für einen Arzt ausgeben will!"

"Er ist wohl verrückt oder will uns zum Besten haben."

"Hat sich der Narr eingebildet, daß er nur eine Sache zu sagen braucht, damit man sie glaube? Es ist pure Eitelkeit, er will, daß man ihn Don nenne und der Don paßt ihm, wie dem Esel der Dreimaster."

"Wir wollen doch diesen aufgeblasenen Narren einmal anführen," sagte wieder eine Andere; "ich stelle mich krank, und was gilt's, er glaubt es?"

Gesagt, gethan. Sie ließen einen großen Korb Cactusfeigen, davon sie gegessen hatten, vor der Thür stehen und im Nu lag die, die den Spaß ausgedacht hatte, im Bett und stöhnte Ach und Weh, daß es bis zum Himmel scholl.

Die andern unterdrückten das Lachen und liefen schnell zu Juan Holgado, um ihn herbeizuholen. Er folgte ihnen sogleich und bemerkte vor dem Hause die große Menge von Cactusschalen. Im Zimmer der Kranken war das Erste, was sich seinen Augen darbot, die Frau Tod, die ganz ernst am Bett des Mädchens saß.

"Die Kranke ist sehr schwach," sagte Juan Holgado, "und stirbt."

"Was hat sie denn?" fragten die andern Mädchen, die sich des Lachens nicht enthalten konnten.

"Sie hat," erwiederte Juan Holgado, "zu viel Cactusfeigen gegessen, die sie nun nicht verdauen kann und wovon sie Keinem mehr etwas erzählen wird."

Zwei Stunden darauf stand das Mädchen vor Gott. - Nun mögt Ihr Euch selbst vorstellen, meine Herren, welchen Ruf dies Ereigniß dem Juan Holgado gab! Es gab bald in der ganzen Gegend keinen Kranken und keine ärztliche Consultation mehr, dazu man nicht Juan Holgado berufen, und so gewann er so viel Geld, daß er gar nicht wußte, was er damit anfangen sollte. Er kaufte seinen Söhnen Sterne, die man vorn, und Schlüssel, die man hinten trägt. Was ihn aber selbst anlangte, wollte er nicht solchen Flitter, sondern strebte mehr nach einem behäbigen Leben. So kam es, daß er so dick wurde und so gut aussah, daß es ein wahres Vergnügen war, ihn anzusehen. Sein Gesicht war so rund und voll wie die liebe Gottessonne, seine Beine wurden wie Säulen und sein Bauch wie die halbe Kirchkuppel. Während dessen pflegte Juan Holgado sehr eifrig sein Haus. Ritzten die Kinder etwas an der Wand, so ritzte ihnen der Vater zur Strafe in die Haut. Immer hielt er Baumeister, die das Haus in gutem Stande erhalten mußten, eingedenk der Worte der Frau Tod, daß sie ihn nicht besuchen werde, so lange sein Haus nicht baufällig sei.

Doch die Jahre, die je mehr bergunter, desto schneller laufen, brachten nichts Gutes mit sich. Juan Holgado machte ihnen schlechte Miene und um sich zu rächen, nahm ihm nun das eine die Haare, das andere die Mundwerkzeuge, ein drittes bog ihm das Rückgrat krumm, und noch ein anderes schenkte ihm ein lahmes Bein.

Eines Tages ward er bettlägerig und Frau Tod ließ ihn durch eine Fledermaus grüßen, was dem Juan Holgado gar nicht scherzhaft vorkam. Eines andern Tages bekam er den Altenhusten und Frau Tod ließ ihm durch eine Eule sagen, daß sie ihn bald besuchen werde. Juan Holgado sagte der Eule, sie solle sich fortscheeren. Am folgenden Tage hatte er eine Ohnmacht und Frau Tod ließ ihm durch das Heulen seines Hundes ankündigen, daß sie schon auf dem Wege sei. Juan Holgado warf im Aerger mit der Krücke nach dem Hunde. Aber was half es. Es wurde immer schlimmer mit ihm und Frau Tod klopfte endlich selbst an die Thür. Schnell ließ Juan Holgado die Thür verschließen und verriegeln, aber Frau Tod huschte durch das Schlüsselloch und nun war sie da.

"Frau Tod," sagte Juan Holgado mit einem sauren Gesicht, "habt Ihr mir nicht gesagt, daß Ihr nicht kommen würdet, so lange mein Haus nicht baufällig würde? Ich habe deshalb trotz Eurer Boten Ew. Gnaden gar nicht erwartet."

"Ei was," antwortete Frau Tod, "hast Du nicht Deine Kräfte verloren, sind Dir nicht Zähne und Haare ausgefallen? Dein Körper ist Dein Haus."

"Das wußte ich nicht," sagte der Kranke, "und deshalb macht mich Eure Ankunft bestürzt."

"Desto schlimmer für Dich, Juan Holgado," - entgegnete Frau Tod, "denn derjenige, der immer vorbereitet ist, erschrickt nicht, wenn ich komme. Aber Ihr Lebenden seid blind, wenn Ihr nicht einsehet, daß Ihr geboren werdet, um zu leiden, und sterbt, um zu ruhen."(ritter hans---Robert Anton)


Main Menu